
Buch Empfehlung
Auf den Spuren der Türken in Wien
[Auf den Spuren der Osmanen in der österreichischen Geschichte. (=Wiener Osteuropa Studien, Band 14) Frankfurt am Main 2002 (Peter-Lang Verlag)p. 161-166] von Mag. Kerstin Tomenendal
Vor sechs Jahren begann ich mit den Hintergrundarbeiten zu meinem Buch, da ich festgestellt hatte, daß in der Stadtgeschichte Wiens eine große Lücke offengeblieben war, nämlich die Darstellung der Stadt Wien in bezug auf ihre chronologische "türkische" Geschichte, somit das türkische Gesicht Wiens. Relativ zahlreiche Publikationen gibt es zu den Türkenbelagerungen, aber es findet sich keine Darstellung der Geschichte von ihren Anfängen, die viele Jahre vor der ersten Belagerung 1529 begann, bis in die Jetztzeit hinein, und die zudem in den 23 Wiener Gemeindebezirken ihre Spuren hinterlassen hat.Als Orientalistin war es mir ein besonderes Bedürfnis, ein Buch zu schreiben, das sowohl die vielschichtigen Einflüsse des Osmanischen Reiches auf Wien/Österreich in den verschiedenartigsten Bereichen aufzählt, als auch die geschichtlichen Hintergründe der österreichisch-türkischen Beziehungen im Raum Wien im Laufe der Jahrhunderte behandelt, zusätzlich als Stadtführer durch das Türkische Wien dient, die Portraits der wichtigsten Persönlichkeiten der Zeit kurz anschneidet nebst einer ausführlichen Literaturliste, um dem interessierten Leser die Gelegenheit zu bieten, sein Wissen auch in anderen Büchern zu vertiefen. Die mir selbst gestellte Aufgabe lautete also, ein Kompendium zum türkischen Wien zu verfassen und im weiteren Sinn auch zwischen den Österreichern und den Türken zu vermitteln, aufzuzeigen, daß es durchaus auch in der Hauptstadt Österreichs sehr viele Dinge, Gegenstände und gemeinsame Kulturgüter gibt, die diese beiden Kulturen durch eine gemeinsame Geschichte im Laufe der Jahrhunderte von Feindschaft zu Freundschaft vereinen. Meine Arbeit wurde im Rahmen des 700. Gründungsjahres des Osmanischen Reiches im Jahre 1999 während der Gedenktage Auf den Spuren der Osmanen in der österreichischen Geschichte. Wien gedenkt des 700. Gründungsjahres seines einstigen Nachbars verwirklicht, ein Jahr darauf, im November 2000 fand die feierliche Buchpräsentation in der Nationalbibliothek in Wien statt, Herr Bürgermeister Häupl und der türkische Botschafter, S.E. Ömer Akbel, eröffneten dankenswerter Weise diese Veranstaltung. 1. Österreich und die Türkei in der GeschichteSelten hatten Völker von unterschiedlicher Zusammensetzung eine ähnlich parallel verlaufende Geschichte wie Österreich und die Türkei.Jahrhundertelang war Wien die Hauptstadt eines Reiches, das durch seine Grenzen Nachbar des Osmanischen Imperiums wurde. Anfangs wußten die beiden Länder wenig voneinander, es war unklar, in welcherlei Beziehung sie in späterer Zeit zueinander stünden. Vorerst stellte das Osmanische Reich eine große Bedrohung für Österreich dar, 1529 wurde die Stadt Wien, der sagenumwobene "Goldene Apfel", das erste Mal von Sultan Süleyman belagert, und eineinhalb Jahrhunderte war man vor türkischen Übergriffen nicht sicher, bis 1683 wieder Osmanen vor den Wällen der Stadt ihr Lager aufschlugen, diesmal unter dem Kommando von Kara Mustafa Pascha. Der erfolgreich durchgeführte Entsatz vor Wien auf seiten der christlichen Heere im Jahr 1683 stellte einen Wendepunkt in der Begegnung Österreichs zu den Osmanen dar: Man fürchtete den Türken nicht mehr als Feind, dessen Expansion nach Westeuropa durch den Einsatz vor Wien endgültig unterbrochen war. Die Notwendigkeit, den Nachbarn auch verstehen zu müssen respektive zu wollen, hatte zu der relativ frühen Aufnahme orientalistischer Studien geführt – in Wien gar im 16. Jahrhundert; ab dem 17. Jahrhundert schließlich entstanden für die Orientalistik weltweit bedeutsame Werke in Österreich, erwähnt sei hier das türkisch-lateinische Standardwerk von Franz Mesgnien von Meninski mit dem Titel "Thesaurus Linguarum Orientalium Turcicae, Arabicae, Persicae". Durch diverse Begründungen von orientalischen Handelskompanien im 18. Jahrhundert bestand auch ein wirtschaftliches Interesse, die türkische Sprache zu erlernen; infolgedessen erfolgte 1754 die Stiftung einer Orientalischen Akademie durch Kaiserin Maria Theresia. Die Begründung des Orientalischen Institutes als eigener Lehrstuhl an der Universität Wien erfolgte 1886. Bis zum heutigen Tag hat Wien eine sehr gute und starke orientalistische Tradition aufzuweisen, deren Höhepunkt sicherlich das Werk von Joseph von Hammer-Purgstall (1774–1856) darstellt.Der Einfluß der Türken beschränkt sich nicht nur auf die beiden Türkenbelagerungen, im Gegenteil ist ein reger Wandel im Türkenbild ab dem 18. Jahrhundert zu verzeichnen, der sich in Kunst, Literatur, Musik und Bildhauerei bemerkbar macht, im 19. Jahrhundert sogar zu einem Besuch von Sultan Abdülaziz führte, der von beiden Seiten sehr goutiert wurde. Sultan Abdulaziz war im übrigen der erste Sultan, der als freundlich gesinnter souverän österreichischen Boden betrat und nicht als Gegner, respektive Eroberer. Auch bemerkbar machte sich dieser Wandel der Einstellung auf der Wiener Weltausstellung im Jahr 1873, wo im sogenannten Cercle Orientale auch das Osmanische Reich vertreten war, unter anderem mit einem Kaffeehaus im orientalischen Stil, das sich wegen seines exotischen Flairs eines großen Zustroms erfreute. Die Weltausstellung machte übrigens auch die Notwendigkeit der Errichtung eines Orientalischen Museums bewußt, das bereits 1875 seine Pforten öffnete und es sich zum Ziel gesetzt hatte, Kenntnisse über den Orient zu verbreiten und Handelsbeziehungen zu fördern. Anfang des 20. Jahrhunderts war der Begründer der modernen Republik Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, zweimal in Wien, einmal 1917 und das zweite Mal 1918; im Verlauf des Ersten Weltkrieges, als die Donaumonarchie und das Osmanische Reich Verbündete waren, hatte ihm Österreich-Ungarn sogar eine Medaille verliehen. Diese kann man heute noch in Ankara, im Museum beim Mausoleum Atatürks auf dem An1t Tepe bewundern.Die Zeit nach dem Untergang der beiden Vielvölkerreiche gestaltete sich weiterhin sehr freundlich: Bereits 1924 wurde zwischen der Republik Österreich und der Republik Türkei ein Freundschaftsvertrag geschlossen. Während des Zweiten Weltkriegs emigrierten zahlreiche Österreicher in die Türkei, deren Pforten den Verfolgten offen standen, und besonders viele Intellektuelle halfen damals mit, die Türkei aufzubauen; als prominentes Beispiel sei hier nur der Architekt Clemens Holzmeister genannt, dessen rege Bautätigkeit heute noch in Ankara zu sehen ist.Anläßlich des Staatsvertrages 1955 spielte die Türkei eine interessante Rolle für Österreich: Bei der Unterzeichnung dieses für die Zukunft Österreichs so entscheidenden Dokuments im Schloß Belvedere hatten sich die Österreicher von der türkischen Botschaft, die vis-à-vis in der Prinz-Eugen Straße 40 logiert, einen großen Teppich – in Ermangelung eines eigenen – ausgeborgt; dieser ist auch auf dem offiziellen Bild, das bei diesem historischen Moment angefertigt wurde, zu sehen. Bis heute wird dieser berühmte und geschichtsträchtige Teppich in der türkischen Botschaft bei wichtigen Empfängen benützt. In den 1960ern schließlich kamen im Zuge der Wiederaufbauarbeiten türkische "Gastarbeiter" ins Land, die mittlerweile aus Österreich nicht mehr wegzudenken sind. Die Errichtung der UNO-City 1967, in der auch türkische Fachmänner und -frauen tätig sind, hat zur Internationalisierung der Donaumetropole beigetragen. Mit den Entwicklungen ab den 1960ern erwies sich die Notwendigkeit für unsere türkischen Mitbürger, eigene Institutionen zu gründen, eigene Betriebe und Geschäfte aufzumachen wie z.B. Restaurants, Werkstätten, Firmen, Architekturbüros, Ordinationen, um nur einige zu nennen; türkische Musiker, Künstler und Autoren üben ihre Kunst in Wien aus und bereichern damit die Wiener Künstlerszene; mittlerweile verfügt man auch über mehrere türkischsprachige Zeitschriften, die in Wien erscheinen, und über einige türkischsprachige Radiosendungen, manch türkische Nacht wird in diversen Wiener Diskos veranstaltet.
2. Türkisches Kulturgut in Wien
So manch prominentes Kulturgut hat Österreich über die Vermittlung des Osmanischen Reiches / der Türkei erreicht, das wir heute im Alltagsleben nicht mehr missen mögen. Ein relativ unbekanntes Objekt hierbei ist der Schuhabsatz, der im 16. Jahrhundert über den Balkan nach Österreich gelangte und noch heute als modisches Accessoire die Beine der Damenwelt schmückt.
Nicht wegzudenken ist das Türkische in bezug auf Essen: Zum "Türken" zu gehen ist für viele Wiener etwas Selbstverständliches geworden, der Döner Kebab gar ernsthafte Konkurrenz für McDonalds und den Austroburger in Form einer Leberkässemmel. Viele Grundnahrungsmittel, die heute nicht mehr wegzudenken sind, gelangten durch die Osmanen auf den Speiseplan der Österreicher, so z.B. der Mais, bis ins 19. Jahrhundert auch als "Türkenweizen" bekannt, Reis, viele Gewürze, und auch der Strudelteig wurde erst durch die Vermittlung der Türken zum traditionellen Bestandteil der Wiener Küche.
Auch auf andere Kulturgüter trifft man, die zu Unrecht als "türkisch" gelten, so der Fall mit dem "Kipferl": Vom Kipferl sagt man, daß es als Hohn auf die erfolglose Türkenbelagerung von den Wienern erschaffen wurde: Dies entspricht der Wahrheit jedoch nicht, wurde es (allerdings nicht gebogen) bereits in einer Urkunde aus dem 12. Jahrhundert erwähnt. Auch daß die Tulpe holländisch sei, ist eine Mähr: die wertvollen Tulpenzwiebeln, die im 17. Jahrhundert als Luxusobjekt gehandelt wurde, gelangte vom Osmanischen Reich eigentlich über Österreich nach Europa.
In aller Munde ist die Geschichte um die Etablierung des Kaffees in Wien, der nach der zweiten Belagerung in Wien salonfähig wurde, und für den die Österreicher heute weltweiten Ruhm genießen wegen der vielen unterschiedlichen Zubereitungsarten. Die damit entstandene und verbundene Kaffeehauskultur ist eines der wichtigsten Kulturgüter Österreichs.
Ein Wien ohne den musikalischen Einfluß der türkischen Rhythmen und Instrumente wäre im Übrigen gänzlich unvorstellbar. Anfangs hatte man Angst vor der bedrohlich erscheinenden Janitscharenmusik, die man bei beiden Türkenbelagerungen von Seiten der Türken vor den Toren Wiens spielte zur Einschüchterung des Feindes und zur gleichzeitigen Motivation der eigenen Truppen. Was wäre aus Mozart ohne seine alla turca-Melodien geworden? Wie wäre es Beethoven, Haydn und vielen anderen Komponisten ergangen?
3. Türkische Spuren in den diversen Wiener Gemeindebezirken
Die jahrhundertelange österreichisch-türkische Begegnung hat in den 23 Wiener Gemeindebezirken ihre sichtbaren Spuren gelassen, zum Großteil bezugnehmend auf die Erste und Zweite Türkenbelagerung, wobei die letzere den größeren Anteil ausmacht. Besonders viele türkische Spuren finden sich naturgemäß im ersten Bezirk, da die Wucht des Anschlags während der beiden Belagerungen auf die von Stadtmauern umringte heutige Innenstadt gerichtet war.
In der Innenstadt finden sich natürlich auch Spuren, die nicht mit 1529 oder 1683 in Zusammenhang stehen, so z.B. die Vignette "Viribus Unitis" in Form eines Kleeblatts, auf dem die damaligen Regenten Sultan Mehmed Reshat V. und Kaiser Franz Joseph I. abgebildet sind, anläßlich der Ereignisse des Ersten Weltkrieges, als das Habsburgerreich und das Osmanische Reich Verbündete waren. Diese Spur ist am Äußeren Burgtor der Hofburg zu finden.
Es gibt natürlich auch Gedenkstätten jüngeren und jüngsten Datums wie z.B. den Yunus-Emre Brunnen im Türkenschanzpark, 18. Bezirk. Zum anderen ist da die Fliese zu nennen, die das Cover meines Buches ziert, die letztes Jahr im Rahmen der Feierlichkeiten "Wien gedenkt des 700. Gründungsjahres des Osmanischen Reiches" der Stadt Wien überreicht wurde. Diese Fliese mit einem Durchmesser von 1,20 m ist eine Neuinterpretation des sich im Historischen Museum der Stadt Wien befindenden Stadtplans aus türkischer Hand. Mit der künstlerischen Neugestaltung dieses Objekts wurde ein weiteres Zeichen gesetzt, indem ein ehemals kriegerisches Symbol in ein Symbol der Freundschaft umgestaltet wurde. Dieses Kunstobjekt soll im Verlauf des Jahres 2002 am Stubentor in Wien angebracht werden.
Einzigartig sind wohl auch die Hadersdorfer Türkensteine im 14. Bezirk, die der legendäre Feldmarschall Gideon Ernst Loudon, der Eroberer von Belgrad 1789, von seiner erfolgreichen Schlacht als Ausdruck seines Triumphs mitgebracht hatte. Unter anderem befanden sich unter seiner Beute Mausoleumssteine, unter denen Loudon begraben werden wollte. Dies sollte aber anders kommen und der klassizistische Sarkophag, in dem der bedeutende Feldherr seine letzte Ruhestätte fand, ist nur 500 m entfernt von den Mausoleumssteinen – heute in einer Steinwand eingelassen – situiert. Diese Sehenswürdigkeiten sind nur über einen Fußweg im Wald erreichbar. Leider befindet sich kein Wegweiser zu dieser außerordentlich interessanten Sehenswürdigkeit, so daß ein Auffinden erschwert wird.
Der österreichische zu Weltruhm gelangte Orientalist Joseph von Hammer-Purgstall hingegen wurde seinem Wunsch entsprechend in Weidling, Bezirk Klosterneuburg, in einem orientalischen Grab beigesetzt, das in zehn Sprachen beschriftet wurde.
Die türkischen Spuren in Wien sind wahrhaftig zahlreich und immer wieder gesellen sich neue Spuren hinzu.
4. Abschließende Betrachtungen
Das türkische Element hat – wie aufgezeigt – das Leben in Wien seit Jahrhunderten in den verschiedensten Gebieten bereichernd geprägt, so daß gerade dieser Anteil an der österreichischen Geschichte nicht wegzudenken ist. Die Kontroversen mit diesem Volk in der Vergangenheit sind vergessen und ehemalig Trennendes ist im Fall von Österreich und der Türkei zum Verbindenden geworden, wir haben von Feindschaft zur Freundschaft gefunden.
In diesem Sinne möchte ich meinen Aufsatz mit den Worten des ehemaligen österreichischen Bundeskanzlers Julius Raab zu Ende führen:
"Unser Land zählt wohl heute nicht zu den mächtigen der Erde, aber groß ist seine Tradition und groß sind die Beispiele, die es auch in unserer Generation der Welt gegeben hat. Jahrhunderte in einem Verband mit zahlreichen Völkern lebend, hat der Österreicher gelernt, in seinen Mitmenschen nicht das Trennende, sondern das Verbindende zu sehen und zu werten und – Toleranz zu üben."
Quelle: Österreichisch-türkisches Wissenschaftsforum, Mag. Kerstin Tomenendal