
Laizismus in der Türkei
Das eingreifendste und bis heute folgenreichste der sechs "Prinzipien" ist sicherlich das hier an vierte Stelle gesetzte, der "Laizismus". Das Wort meint die Trennung von Religion und Politik samt öffentlichem Leben in der Türkei.
Das beides, wie schon oben mitgeteilt, im Osmanischen Reich eng miteinander verflochten war, hat seinen Grund in der Entstehungsgeschichte des Islam: Mohammed war - wie Moses, aber anders als Jesus - nicht nur Religionsstifter, sondern auch "weltlicher" Leiter der Gemeinschaft seiner Anhänger, und nicht weniger als auf die religiöse Offenbarung waren diese auf die Vorschriften fürs profane Leben verpflichtet. Die wurden mit vergleichsweise geringen Veränderungen durch die Jahrhunderte tradiert, und weltlicher Oberhaupt, der " Kalif" ("Nachfolger"), unterstützt von "geistlichen Gerichtshöfen".
Wodurch wurde bei Mustafa Kemal die Entscheidung für den die Lebensbereiche trennenden "Laizismus" bewirkt? Falsch wäre es, darin Religionshaß zu sehen. Laizismus kämpft nicht gegen Religion schlechthin. Sie hat allerdings Privatsache zu sein, denn der Bezug zum Jenseitigen wird als ein individueller Bezug betrachtet. (Auch zeitgenössische islamische Theologen dachten in dieser Richtung und sahen hier sogar die Chance einer Verinnerlichung der Religiosität im Sinne des berühmten Dichterworts: "Eine Ameise führt mich zu Gott"). Die Gründe für Mustafa Kemals Entscheidung waren letztlich überhaupt keine religiöse, sondern politische, waren Zielsetzung, für deren Verwirklichung allerdings die Befreiung des politischen Bereichs vom Religiösen Überwurf unerläßlich erschien: Schon in dem jungen Offizier war die pragmatische Überzeugung herangereift, ein Staatswesen seine Maßstäbe und Handlungsanweisungen weiterhin dem Koran und der erstarrten religiösen Überlieferung entnehme, werde hoffnungslos zurückhängen hinter dem Fortschritt in der Welt, hinter dem Fortschritt, wie er durch die westliche Zivilisation seit der Aufklärung, insonderheit durch die Wissenschaft garantiert werde. Um im Konzert der Völker auf Dauer eine Stimme zu haben, müsse die Türkei wesentliche Elemente dieser Zivilisation (immerhin der der Kriegsfeinde) übernehmen. "Auf der Welt sind für alle , für das Materielle und das Ideelle, für das Leben und für den Erfolg die Wissenschaft und die Technik die wahrsten Führer. Einen solchen Führer außerhalb der Wissenschaft und Technik zu suchen ist gleichbedeutend mit Gedankenlosigkeit, Unwissenheit und Irrtum", hat Mustafa Kemal 1924 in einer Rede zugespitzt. (Heute sind im Westen Zweifel an der Richtigkeit einer solchen Konzeption wachgeworden. Damals dachte man aber durchweg noch so, und gar für einen politischen Führer, der sein wenig entwickeltes Land nach vorne bringen wollte, gab es sicherlich keine andere Perspektive).
Die für eine Übernahme westlicher Vorstellungen und Einrichtungen hinderliche religiöse Durchdringung von Politik und Öffentlichkeit war repräsentiert und personifiziert im Kalifat. Die Absicht, es abzuschaffen, rief erwartungsgemäß nach ihrem Bekanntwerden konservative Verteidiger im In- und Ausland auf den Plan. Der Staatspräsident verteidigte offensiv das Vorhaben und konnte feststellen, daß die ausländischen Gegenstimmen in der Türkei selbst empört als Einmischung empfunden wurden. Am 3. März 1924 beschloß die "Große Nationalversammlung" mit riesiger Mehrheit die Abschaffung des Kalifats. ( Der letzte Amtsinhaber verließ daraufhin das Land). Kurz danach wurden auch die "geistlichen Gerichtshöfe" geschlossen und das Amt des Scheich-ul Islam, des höchsten Vertreters islamischen Rechts (von ihm war 1920 beispielsweise die "Fetwa" gegen Mustafa Kemal ausgegangen) aufgelößt, desgleichen 1925 die einen obskuren Einfluß ausübenden Derwischorden;
1932 wurden noch die Predigerschulen geschlossen. Seit 1928 enthält die Verfassung den Satz "Die Religion des türkischen Staates ist der Islam" nicht mehr. Seit 1924 kamen dann Zug um Zug auch die nicht unmittelbar die Religion betreffenden, sondern unter den "westlichen" Leitvorstellungen "Gleichberechtigung" und "Zivilisation" geplanten Reformen zur Verwirklichung.
Unter dem Stichwort "Populismus" ist oben schon das Frauenewahlrecht angeführt worden. Ebenfalls die Stellung der Frau hebend waren die Abschaffung der Polygamie und die Aufhebung des Schleierzwangs. Zu letzterem sei eine für Sache wie Person bezeichnende Äußerung Mustafa Kemals zitiert:" Während meiner Reise habe ich die Frauen, unsere Kameraden, nicht nur in den Dörfern, sondern auch in kleineren und größeren Städten mit sorgfältig verhüllten Augen und Gesicht gesehen. Ich denke, daß diese Schleier und Tücher, besonders während dieser heißen Jahreszeit, zweifellos eine Quelle des Unbehagens und Unwohlseins für sie sind. Meine männlichen Kameraden! Unsere Frauen sind empfindsam und von Geist beseelt wie wir auch. Benötigen sie noch unsere selbstsüchtige Aufsicht? Lassen wir sie ihre Gesichter der Welt zeigen, und lassen wir sie die Welt sorgfältig betrachten. Es gibt nichts, war wir dabei zu fürchten hätten."
Die gleichfalls oben schon genannten Maßnahmen zur Herstellung von Chancengleichheit im Bildungsbereich wurden rechtlich dadurch ermöglicht, daß die Schulen unter vereinheitlichende staatliche Aufsicht kamen (Die Medresen wurden geschlossen). Dies gestattete ferner eine Modernisierung des Lehrstoffes, seine Öffnung für Erfordernisse des praktischen Lebens, die in den religiösen Schulen hintangestellt gewesen waren.
Gleich drei Zielen diente die Einführung des lateinischen Alphabets im Jahre 1928: einmal der Sicherstellung gleichen Lese- und Schreibunterrichts für alle Schüler, sodann die Gewinnung einer Schrift, die der vokalreichen türkische Sprache gemäßer war als die bis dahin gebräuchliche arabische, und schließlich die Erleichterung der Kommunikation mit dem Großteil der übrigen Welt.
Diese Reform wurde mit außerordentlichen Tempo und nicht allein auf dem Weg über die Schule vorangetrieben. Wie sehr dem Staatspräsidenten an ihr gelegen war, ist daraus ersichtlich, daß er selber in einem Istanbuler Park an einer Schiefertafel Unterricht erteilte.
Doch war dies nicht die einzige Reform im Bereich der Sprache: Es war für die Kemalisten ein verständliches Ärgernis, daß das Türkische in zwei Versionen nebeneinander gesprochen wurde - in der Version des Osmanli, gesprochen am Hof und in der Oberschicht, mit einem hohen Anteil persischer und arabischer Wörter, und in der Version der Sprache des einfachen Volkes. Nun wurde eine Reinigung des Türkischen von Vokabeln fremder Herkunft in Gang gesetzt. Sie hatte einen so durchgreifenden Erfolg, daß beispielsweise Mustafa Kemals "Große Rede" von 1927 später in das nunmehr gebräuchliche Türkische übertragen werden mußte. Aber auch dem Koran-Arabischen verblieb, ähnlich wie dem Lateinischen in der christlichen Welt, nur die sehr eingeschränkte Bedeutsamkeit einer Kirchensprache.
Dafür erklang jedoch der Ruf des Muezzin auf Türkisch, und auch die Gebete in der Moschee wurden in der allen Gläubigen verständlichen Sprache verrichtet, was die Glaubensinhalt näherbringen konnte.
Die Bemühungen um Sprachreinigung wurden auf akademischem Niveau unterstützt durch die 1932 gegründete "Geselschaft für türkische Sprache". Ihr war im Jahr zuvor schon die Gründung einer "Gesellschaft für türkische Geschichte" vorausgegangen. Beide Institutionen ließen sich besonders die vor-osmanische, ja vor-islamische Zeit angelegen sein, die bislang ganz vernachlässigt worden war. Sie leisteten damit auch einen Beitrag zur Findung einer nationalen Identität. Sie waren Haupterben in Mustafa Kemals privatem Testament.
In besonderem Maße religiös ausgerichtet war mit den geistlichen (Scharia- ^eriat) Gerichtshöfen die Rechtsprechung gewesen. Nach der Abschaffung dieser Gerichte, erarbeiteten Ausschüsse der "Großen Nationalversammlung" bis zum Frühjahr 1926 ein Strafgesetzbuch nach italienischem und ein Bürgerliches Gesetzbuch nach Schweizer Vorbild. - Doch wurden nicht nur bewährte geistige Produkte des Westens ins Land geholt, sondern auch Personen eingeladen, Gelehrte, die beim Aufbau der Universität mithalfen - darunter mancher Emigrant aus Hitler-Deutschland, etwa Ernst Reuter, später Regierender Bürgermeister von Berlin.
Zu nennen sind noch Reformen von weniger substantieller Bedeutung, die gleichwohl den Alltag veränderten. Ihnen gemeinsam sind Absicht und Eignung, Fremdheitsbarrieren zwischen dem westlichen Ausland und der Türkei abzubauen. Es handelt sich um
- die Abschaffung des Fes 1925 (zugunsten des Hutes, bis dahin Kennzeichen der Ungläubigen; Mustafa Kemal unternahm eine werbende Reise ins Land mit einem Panamahut - und großem Erfolg)
- die Einführung des Gregorianischem Kalenders (und des Sonntags statt des Freitags als Ruhetag) im selben Jahr
- die Einführung der europäischen Maß- und Gewichtssysteme 1931
- die Einführung von Familiennamen 1934. Mustafa Kemal wurde von der "Großen Nationalversammlung" mit dem ATATÜRK ("Vater der Türken") geehrt.
Daß ATATÜRK - der Name sei hier aufgenommen - einerseits seinem Volk ein neues nationales Selbtwertgefühl zu vermitteln suchte und andererseits die Türkei mit großer Entschlossenheit zu einer unterschiedlichen, nämlich der westlichen Kultur hin öffnete, mag auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen. Er hatte aber erkannt, daß im Gegenteil beide Bemühungen einander dialektisch bedingen: Nur wer Eigenes vorzuweisen hat und pflegt, ist anderen von Interesse und Nutzen - und nur wer von anderen Gutes und Zukunftsträchtiges übernimmt, bleibt auf der Höhe der Zeit und bleibt in der Lage, das Eigene zu hüten und weiterzuentwickeln. Die Doppelbemühungen spiegelte sich übrigens in der Person Atatürks selbst anschaulich in seinem Verhältnis zur Musik: Auf der einen Seit unternahm er vieles, um bei seinen Landleuten den Geschmack an der europäischen Musiktradition zu wecken, auf der anderen Seite sang er gern und auch im größeren Kreis alte türkische Lieder