Türkei: Investieren in die Hoffnung

Die Aussicht auf EU-Beitrittsverhandlungen stärkt nicht nur die boomende türkische Wirtschaft. Auch für viele Geldanleger ist das Land interessanter geworden.

von Tilo Barz

Am deutlichsten zeigt das die Istanbuler Börse, die mit ihrem Aufschwung in diesem Jahr eine weltweite Spitzenposition einnimmt: In dieser Woche markierte der ISE-100-Index einen neuen Rekord bei über 22.000 Punkten. Seit Mitte 2003 hat sich der Index damit verdoppelt, seit der großen türkischen Bankenkrise 2001 sogar verdreifacht. Wiederholt sich hier die Erfolgsgeschichte Osteuropas oder handelt es sich um eine "Blase"?

Mit ihren Investitionen in türkische Fabriken und in türkische Aktien honorieren Konzerne und Anleger den wirtschaftlichen Reformkurs der Regierung. Der als vermeintlicher Islamist ins Amt gewählte Ministerpräsident Erdogan hat sich als konsequenter Marktwirtschaftler entpuppt, der gegen Korruption und Vetternwirtschaft vorgeht und politisch die Nähe zum Westen sucht. Die jüngste Strafrechtsreform brachte zwar noch einmal Streit, aber im Ergebnis gab es eine europa-verträgliche Lösung. Der Lohn der Mühe kam aus Brüssel: Die EU-Kommission sieht nun wesentliche Hindernisse für Beitrittsverhandlungen beseitigt.


Starke Wirtschaft - niedrige Zinsen 

2004 könnte die türkische Wirtschaft um 7 bis 8 Prozent wachsen – eine Traumrate, verglichen mit den dürftigen Konjunkturzahlen hierzulande. Schon ist vom "China Europas" die Rede. Beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt die Türkei zwar noch hinter den EU-Neumitgliedern Polen und Ungarn, aber klar vor den Kandidaten Bulgarien und Rumänien. Der Boom befördert die Beitrittsfantasie, auch wenn die Widerstände in Westeuropa noch enorm sind und mancher freundliche Politiker hinter vorgehaltener Hand sagt, die Türkei werde niemals zu Europa gehören.

Die Landeswährung Lira, traditionell von Hyperinflation gekennzeichnet, ist inzwischen bemerkenswert stabil – so dürfte die geplante Streichung von sechs Nullen im Jahr 2005 anders als frühere Schritte dieser Art auch eine Weile vorhalten.

An den weltweiten Rentenmärkten wurde die Prosperität am Bosporus mit einem Zinssturz honoriert. Für ihre in diesem Jahr neu herausgegebene zehnjährige Euro-Anleihe muss die Türkei nur noch 6,5 Prozent Nominalzins berappen – gerade einmal zwei Prozentpunkte mehr als die Bundesrepublik. Noch vor wenigen Jahren betrug der Abstand 5 Prozentpunkte und mehr. Wer damals Türkei-Anleihen kaufte, kann sich heute freuen: Dank der besonderen Mathematik der Rentenmärkte stieg zum Beispiel der Kurs der bis 2030 laufenden Türkei-Anleihe vom Tiefststand bei 75 Prozent auf heute fast 140 Prozent.


Risikobewusstsein gefragt

Neuanleger müssen indes ein Engagement gut abwägen. Denn die Kurse können ebenso dramatisch wieder fallen, wenn etwa politische Unsicherheiten aus dem Irak in die Türkei überschwappen, Islamisten neue Anschläge verüben oder die EU-Perspektive sich plötzlich wieder verschlechtern sollte. Ob dieses Risiko mit zwei Prozentpunkten Unterschied ausreichend vergütet ist, muss jeder selbst entscheiden.

Anlageexperten raten denn auch eher zu Investitionen in Aktien bzw. in Aktienfonds. Viele türkische Konzerne haben bewiesen, dass sie inzwischen auf dem Weltmarkt mit- und ihre Kostenvorteile ausspielen können. Der früher von Textilien dominierte Export wurde um anspruchsvollere Produkte erweitert: So kommt mittlerweile fast jeder dritte in Westeuropa verkaufte Fernseh-Bildschirm aus der Türkei. Die Unternehmen profitieren auch von ihrer Mittlerposition am Schnittpunkt zwischen Europa und dem Orient – sie pflegen gute Kontakte nach Stuttgart und Berlin-Kreuzberg, aber auch nach Damaskus und Baku. Die Investment-Bank Goldman Sachs rät, türkische Aktien "überzugewichten".


Einzelwerte nur für Profis

Wer sich für türkische Aktien interessiert, wird schnell auf eine Merkwürdigkeit stoßen: Die wenigen in Deutschland gehandelten Papiere notieren bei absurd niedrigen Kursen, teilweise unterhalb von einem Cent. Ein sinnvoller Handel ist damit nur schwer möglich. Einige wenige Unternehmen wie Akbank oder der Mobilfunkbetreiber Turkcell werden in Form von so genannten ADRs gehandelt, das sind Zertifikate über jeweils mehrere hundert Einzelaktien. Die meisten Anleger dürften jedoch mit Türkei-Fonds oder Zertifikaten am besten bedient sein.

Der deutsche Markt für reine Türkei-Fonds ist recht übersichtlich. Seit fünf Jahren gibt es den "Türkei 75 plus" von der Ceros Vermögensverwaltung. Mit ihm konnten Anleger in den letzten zwölf Monaten über 30 Prozent Gewinn einfahren, allerdings blickt der Fonds auch schon auf sehr schmerzhafte Verlustphasen zurück. Dem etwas später gestarteten und in Österreich beheimateten "ESPA Stock Istanbul" blieben die schlimmsten Abstürze erspart, auf Jahressicht konnte er den Ceros-Fonds schlagen. Spitzenreiter in dieser Wertung ist indes der "Türkisfund Equities", dem die lokale Expertise der türkischen Isbank-Gruppe zu Gute kommt. Eine langfristige Wertentwicklung kann aber bei diesem Fonds aufgrund seines jungen Alters nicht zu Rate gezogen werden.

Auch für das noch relativ exotische Anlagethema Türkei sind neben Fonds inzwischen auch Zertifikate erhältlich. Mit dem Indexzertifikat der Deutschen Bank auf den ISE-30-Index kauft man einfach die 30 wichtigsten türkischen Aktien – ohne die Chance, diesen Index zu übertrumpfen, aber auch ohne das Risiko einer falschen Aktienauswahl durch den Fondsmanager.


Gut aufpassen!

Das größte Risiko bleibt jedoch, dass die allgemeine Stimmung dreht und die derzeitige Euphorie ins Gegenteil umschlägt. Denn so lange ist es noch nicht her, dass die Türkei zwischen Bankenkrise und islamistischer Gefahr am Abgrund zu stehen schien. Beim Investieren in die Hoffnung bleibt also Vorsicht oberstes Gebot.

Quelle: boerse.ARD.de | Stand: 01.10.2004