Der Koran fordert Demokratie
Wir schreien klar und
deutlich: "Wer islamische Despotien verteidigt,
fälscht Gottes Wort"Faktum:
Wer über den Islam sprechen will, muss zunächst deutlich machen, was genau er
darunter versteht. Muslime unterscheiden zwischen dem traditionellen Islam,
der im auf den Sitten und Gebräuchen
des Nahen Ostens beruht, und dem wahren Islam, der im Koran
festgehalten ist und durch den Propheten Mohammed verkündet wurde. Bis heute
übersieht der Westen diese Unterscheidung, die von den Muslimen selbst als Dilemma
empfunden wird. Zumindest bis zum schrecklichen Terroranschlag am 11.
September 2001 hat der Westen nur sein
kurzfristiges politisches Kalkül im Blick gehabt und dieses Dilemma nicht
gesehen. Dabei stimmt es: Betrachten wir heute die islamischen Gesellschaften
unter dem Aspekt "Demokratie" oder "Menschenrechte", bietet sich kein positives
Bild. Besonders dem Nahen Osten, der Kernregion des Islams, kann in Fragen der
Menschenrechte kein gutes Zeugnis ausgestellt werden. In diesen Ländern wird
der Wert des Menschen verschleudert. Seine Vortrefflichkeit, seine Ehre,
Freiheit und seine Rechte kommen nur noch in Gedichten, nur noch in der
schöngeistigen und mystischen Literatur vor. Die Zeitungen vom 17. Juni 2002
berichteten unter der Schlagzeile Reaktionäre Grausamkeit von einem
unmenschlichen und unbegreiflichen Vorfall. Er ereignete sich in einem
berühmten islamischen Land, in Saudi-Arabien: Als sich einige Frauen vor einem
Gebäudebrand retten wollten und auf die Straße liefen, wurden sie von den
Gewalttätern, die sich "Religionspolizisten" nennen, mit Schlägen zurückgejagt.
Der Grund: Sie waren nicht verschleiert. Sie kamen alle ums Leben.
- Grausame Taten wie diese, welche die
Menschenwürde missachten, prägen leider das Bild des Islams weltweit.
Diejenigen, die Wissenschaft und Bildung achten, wissen allerdings, dass es im
Islam eine innere Wahrheit gibt. Bedauerlicherweise hat das Sichtbare in Form
des traditionellen Islams das Wahre aus dem Leben verdrängt, also
den Islam des Korans.
- In den islamischen Ländern wird der Mensch
Regeln geopfert, die Tradition zu einem unantastbaren Tabu gemacht haben. Denn
in diesen Ländern hat man das koranische Prinzip "Die Religion ist für den
Menschen geschaffen" ins Gegenteil verkehrt. Es wurde daraus: "Der Mensch ist
für die Religion geschaffen."
- Die islamischen Länder sind zwar von ihren
früheren Kolonialherren unabhängig, aber nicht frei geworden. Die
Unabhängigkeit nutze lediglich den Despoten im Lande. Das Joch der
Unterdrückung blieb bestehen und belastet die Menschen heute mehr denn je. Man
vergaß, dass die Unabhängigkeit eines Landes durch die Freiheit des
Individuums vervollständigt werden muss.
Der einzige Weg dorthin ist die Installierung einer laizistischen
Regierungsform. Die Methode,, Demokratisierung durch Krieg", welche die
amerikanische Regierung im Irak anwenden will, ist dagegen weder menschenwürdig nicht
erfolgversprechend.
- Die Veränderung kann nur aus der islamischen
Welt selbst kommen. Wenn wir die tabuisierenden
Traditionen und die vorsätzlichen Irrwege beiseite lassen und den Islam
aus der Sicht seiner Hauptquelle, des Korans, betrachten, gibt es durchaus
einen Silberstreif am Horizont. Dabei ist bemerkenswert, dass bei der
Einführung der Werte des Korans im
Leben, die für die Entwicklung der Menschheit notwendig sind, die westlichen,
nichtmuslimischen Gesellschaften weiter fortgeschritten als die islamischen
sind. Und auch dies ist eine Tatsache: Mit jedem Tag wird dieser Abstand zum Nachteil der Islamischen Welt großer.
- Die Islamische Welt hat über Jahrhunderte ihr
Schicksal nicht an Grundlagen und Prinzipien gebunden, sondern an Personen, die
für unantastbar erklärt wurden. In der Terminologie des Koransbezeichnet man
dies als schirk (Vielgötterei,
Polytheismus). Es handelt sich also schlicht um Paganismus. Diese Ausrichtung
mit fetischistischem Charakter macht die Menschen immer mehr zu
Sklaven von Knochen, Fossillien und Grabstätten. Umso absurder wirk es,
dass die grundlegenden Werte, die der Koran im Leben des Menschen verwirklicht
sehen möchte, in nichtislamischen
Gesellschaften verwirklicht sind.
- Der Islam der Traditionen, also der falsche
Islam, hat alle islamischen Grundlagen und Werte, die den Menschenrechten
und damit auch der Demokratie denn Weg bahnen und sie stärken könnten, außer
Kraft gesetzt. Diese Entwicklung begann, als die despotische Monarchie zur
Religion erklärt wurde. Das system der monarchistischen Herrschaft aber wird im
Koran als ein unzulängliches System der
Ungerechtigkeit dargestellt (siehe hierzu Sure 27, Vers 34). Dass es dennoch
die Oberhand gewann, wurde möglich, weil man den Laizismus in einen Gegensatz
zur Religion stellte. Laizismus bedeutet aber nicht, wie viele annehmen,
Religion und weltliche Angelegenheiten voneinander zu trennen. Laizismus heißt,
die Legitimation der Herrschenden beziehungsweise Regierenden nicht auf Gott
oder Recht zu gründen, sondern auf den Willen des Volkes. Daher halte ich es
nicht für möglicht, dass die islamischen Gesellschaften sich demokratisieren
können, ohne sich eine wirklicht laizistische Verfassung zu geben.
- Der Koran verkündet, dass das Prophetentum
abgeschlossen sei. Eine der grundlegenden Folgerungen daraus lautet: Das
Zeitalter ist beendet, in dem die Völker von Personen geführt werden, die sich
auf Gott berufen. Der Koran ist das einzige heilige Buch, das verkündet, dass
die Theokratie aus dem Leben der Menschen weichen soll.
- Diese Aussage des Korans ist die wichtigste
Wahrheit, die in den islamischen Gesellschaften verschwiegen und versteckt
wird. In den islamischen Ländern wird das ganze religiöse Leben so
ausgerichtet, dass diese Wahrheit verborgen bleibt. Alle erdenklichen Maßnahmen
und Anstrengungen werden unternommen, damit sich dieser Zustand nicht ändert.
Diese Maßnahmen werden auch von jenen Westeuropäern unterstützt, die nicht
wollen, dass sich in den islamischen Ländern die Zustände ändern.
- Nach dem Verständnis des wahren Islams, der sich
auf den Koran beruft, ist die Macht, ein Volk zu führen, ein rechtsstaatliches
Gut. Dieses darf nicht für despotische Herrschaft missbraucht werden. Nur die
dürfen es an sich nehmen, die seiner würdig sind. Dieses Gut kann dem Einzelnen
durch Wahlen anvertraut und – falls notwendig – auch wieder entzogen werden.
- Diejenigen, die den Despotismus zur Religion
erklären, fragen oft: " Warum Demokratie? Demokratie bedeutet Wille des Volkes.
Welches Volk hat den Propheten Mohammed gewählt? Und warum überhaupt Wahlen?"
Diesen Wortführern muss man entgegenhalten: "Den Propheten Mohammed hat Gott
selbst berufen. Hat Gott auch die Könige, Sultane und Kaiser berufen? Hat Gott
etwa Saddam, den Schah von Persien, Chomeini, Assad, Feisal und andere Könige
und Herrscher berufen?"
- Die Herrschenden täuschen das Volk und fragen: "
Wenn eine Theokratie besteht, dann werdet ihr von Gott geführt. Wollt ihr euch
darüber beschweren?" Und weil das Volk die wahren Grundlagen des Islams nicht
kennt, kann es die folgenden Fragen nicht stellen: "Nur Propheten können eine
Theokratie leiten. Aber wenn die Zeit der Propheten abgeschlossen ist, wie kann
dann eine Theokratie fortgeführt werden? Seid ihr denn Propheten, dass ihr euch
auf Gott beruft und uns regieren wollt?"
- Nach dem Koran sollen sich die Regierenden und
Herrschenden auf die Prinzipien der schura (das System der Beratung
und Kontrolle) und bajat (den Gesellschaftsvertrag) stützen. Gott hat
dem Propheten Mohammed, den er selbst gesandt hat, aufgetragen, sich auf diese
beiden Prinzipien zu stützen.
- Was der Koran über das Regieren und Herrschen
sagt, ist klar und deutlich: Die Zeit nach dem Propheten Mohammed ist die Zeit
der schura und bajat. Das heißt, an die Adresse der
Herrschenden gerichtet: Ihr werdet das Volk führen und leiten, ihr werdet von
den Menschen die Legitimation hierzu erhalten, ihr werdet gewählt werden. Und
wenn das Volk euch abwählt, dann sollt ihr gehen.
- Der wahre Islam spricht niemandem das Recht zu,
ein Beauftragter, Stellvertreter oder Repräsentant Gottes zu sein. Einzig den
Propheten steht es zu, im Namen Gottes zu sprechen und zu führen. Das Recht zur
Führung eines Volkes kann nicht von Gott oder per Geburt erlangt werden,
sondern nur vom Volk und durch Wahlen. Dies bezeichnet der Koran als bajat.
Das mittels bajat erlangte Recht zur Führung eines Volkes wird mit dem
schura genannten System der Beratung und Kontrolle vollzogen. Dieses
System stellt sicher, dass die Führenden die Geführten und umgekehrt die
Geführten die Führenden kontrollieren. Auf der Grundlage der schura
kann das Volk, das über die Regierenden wacht, ihnen auch das Recht zur
Herrschaft entziehen, falls es dies für notwendig erachtet.
- Die koranische Entsprechung für das
demokratische Verfahren ist also die schura. Weil sie im Koran erwähnt
wird, konnte sie nicht völlig unterschlagen werden. Aber ihre Bedeutung wurde
verzerrt wiedergegeben und so ausgeformt, dass sie dem traditionellen Islam ins
Konzept passte. Von den Despoten im Nahen Osten wurde die schura
darauf reduziert, dass der König oder der Sultan sich einige Ratgeber zulegen
solle. Der 1988 gestorbene islamische Gelehrte Fazlur Rahman sagt hierzu: "Schura,
wie sie der Koran aufträgt, bedeutet nicht, dass jemand sich gelegentlich den
Rat anderer einholt. Vielmehr bedeutet es wechselseitige Konsultation von
Gleichberechtigten. Wer diese Konsultationen verweigert oder sie verzögert,
weil sie angeblich nicht passen, ist ein Diktator, der im Widerspruch zum Islam
steht."
- Nach dem Verständnis des Korans leitet sich die
Berechtigung zur Leitung des Staates also nicht aus der Religion oder dem
göttlichen Recht ab, sondern aus dem freien Willen des Volkes. Der größte
islamische Denker des 20. Jahrhunderts, Mohammed Iqbal (1877 bis 1938), stützte
sich auf diese Aussagen des Korans, als er verlangte, die Berechtigung, Normen und
Gesetze aufzustellen, den Rechtsgelehrten zu entziehen und einem Parlament zu
übertragen. Zu diesem Zweck solle das Prinzip der icma (des Konsenses
innerhalb der islamischen Gemeinschaft) im Geiste des Islams modernisiert
werden. Iqbal war überzeugt davon, dass Republik und parlamentarische
Demokratie das Regierungssystem darstellen, das dem Geist des Islams am besten
entspricht.
- Der Koran entwickelte das Prinzip der bajat,
also die Idee eines Gesellschaftsvertrags, viele Jahrhunderte vor der Französischen
Revolution. Um zu regieren und zu herrschen, sollte mit jedem, egal, ob Mann
oder Frau, ein Abkommen geschlossen und Einverständnis erzielt werden. Selbst
dem Propheten Mohammed wurde aufgetragen, sich bei der Führung der Gemeinde vom
gesamten Volk, auch von den Frauen, eine bajat einzuholen (Sure 60,
Vers 12).
- Die Prinzipien des Korans, die sich in
Übereinstimmung mit der demokratischen Logik befinden, hat der amerikanische
Nahost-Experte Leonard Binder in seinem Buch Islamic Liberalism folgendermaßen
zusammengefasst: "Erteilt Gott oder das Volk die Berechtigung zum Regieren?
Diese Diskussion ist so gelöst worden: Die ursprüngliche Berechtigung kommt von
Gott, aber sie wird über das Volk an bestimmte Personen übertragen. Dass die
Berechtigung zur Machtausübung, deren Quelle Gott ist, über das Volk auf von
ihm ausgewählte Führer übertragen wird, ist Demokratie."
- Im Kern heißt das: Gott, der allmächtige
Herrscher, gab dem Menschen eine Legitimation zum Herrschen. Der Mensch benutzt
diese Legitimation, indem er bestimmten Personen ein Mandat überträgt und dabei
die Prinzipien der schura und der bajat anwendet. Der
traditionelle religiöse Diskurs in den islamischen Ländern missachtet die
Wahrheit dieser grundlegenden Prinzipien. Der ägyptische Gelehrte Abu Said ist
der Ansicht, dass die traditionellen Gelehrten dies nicht aus Unkenntnis tun,
sondern um die Wahrheit bewusst zu verheimlichen. Der Koran hat dem Menschen
die Allmacht entzogen und an bestimmte Prinzipien und Leitlinien gebunden.
Werte werden von Gott gegeben und von ihm verfügbar gemacht. Dem Koran zufolge
ist der erste dieser Werte der Verstand In Sure 10, Vers 100 heißt es: "Und
Gott zürnt denen, die ihren Verstand nicht gebrauchen." In die Rechtssprache
der modernen Zeit übersetzt, heißt das: Die Herrschaft beruht auf den
Prinzipien des universellen Rechts. Der Koran verweist immer wieder auf diese
universellen Prinzipien. Der Koran ruft dazu auf, den Verstand zu benutzen, und
kritisiert, wenn Menschen sich wie eine Herde Vieh verhalten. Das Volk darf
niemanden zu seinem Hirten machen und sollte sein Schicksal selbst in die Hand
nehmen. Ein wichtiger Teil der zeitgenossischen islamischen Intellektuellen
begreift dies. Bisher üben diese Intellektuellen noch keinen großen Einfluss
aus. Leider wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis sich daran etwas
ändert.
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