Neue türkische Lira mit einem guten Start ins Neue Jahr


In der Türkei ein Millionär zu sein, ist lange Zeit nichts Besonderes gewesen. Schließlich mussten die Menschen am Bosporus zuletzt 1,8129 Millionen Lira für einen Euro bezahlen. Damit war die Lira nicht nur die Währungseinheit mit dem weltweit kleinsten Wert: Folglich waren beim Großeinkauf schon Tüten voller Banknoten notwendig. Aber damit ist es jetzt vorbei. In der Türkei hat eine neue Ära begonnen. Zumindest beim Zahlungsmittel.


Ende Dezember hat die Türkei bei ihrer Währung sechs Nullen gestrichen und gleichzeitig die "Neue Türkische Lira” (NTL) eingeführt. Und diese legt zum Jahresbeginn einen guten zum Euro hin. Die NTL nimmt der Gemeinschaftswährung rund ein Prozent ab und steigt auf 1,812 Lira beim Geldkurs nach 1,832. Damit setzt sie die in der ersten Dezemberhälfte eingeläutete kurzfristige Aufwertung gegenüber dem Euro fort, die von dem Signal der Europäischen Union (EU) zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen befördert worden ist. Der langfristige Abwertungstrend steht indes, allerdings knabbert die Lira an demselben.

Wachstum so stark wie in China - Rasender Abfall der Inflation

Der Schnitt bei der Landeswährung ist angesichts deutlich verbesserter wirtschaftlicher Basisdaten geschehen. Die Wirtschaft des Landes wächst fast so stark wie jene Chinas und Indiens mit gut acht Prozent im abgelaufenen Jahr. Zum Vergleich: In Euroland lag die entsprechende Kennziffer zuletzt bei zweieinhalb Prozent, in Deutschland darunter. Allerdings haben die Türken gemessen am Pro-Kopf-Einkommen auch gehörigen Nachholbedarf.

Begleitet wird das Wachstum von einem rasenden Niedergang der Inflation: So liegt der Anstieg der Verbraucherpreise seit Mai 2004 unter zehn Prozent. Aufs Jahr gerechnet lag sie bei 9,3 Prozent. Für Deutschland wäre dies ein Unglück, für die Türkei ist dies aber ein Glücksfall angesichts eines galoppierenden Preisauftriebs in früheren Zeiten: Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts lag die Inflationsrate zeitweise bei gut 100 Prozent. Im Jahr 2005 erwartet die Regierung eine Zunahme von acht Prozent, und für 2007 prognostiziert Wirtschaftsminister Ali Babacan eine Inflationsrate von vier Prozent. Bis dahin will die Regierung die Staatsverschuldung von 78 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf 68 Prozent senken.

Erstmals solle in jenem Jahr das Defizit des Staatshaushalts auf weniger als drei Prozent des BIP fallen, kündigte Babacan an, der als Architekt des Konsolidierungskurses gilt und in der Wirtschaft eine hohe Wertschätzung genießt. "Damit hebt er sich von früheren Generationen von Politikern ab. Die hatten hemmungslos Gelder aus dem Staatssäckel an ihnen nahestehende Kreise gepumpt - sei es in Form von gezielten Subventionen, von überteuerten Staatsaufträgen oder von Krediten der Staatsbanken, die nie zurückbezahlt wurden”, kommentierte die F.A.Z. Finanziert hätten sie diese Selbstbedienung durch die Druckerpresse und durch eine Kreditaufnahme, die sich von Jahr zu Jahr verteuerte. "Banken taten nichts anderes, als dem Staat Gelder zu hohen Realzinsen zur Verfügung zu stellen. Auch die Unternehmen erzielten mehr Gewinne durch den Kauf von Staatsanleihen als durch den Verkauf ihrer Produkte”, so die Zeitung weiter.

Überaus hohes Zinsniveau

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sieht die Türkei in ihrem jüngsten Länderbericht an einem Wendepunkt. Mit Hilfe der vom Internationalen Währungsfonds induzierten Reformen und der Perspektive einer EU-Mitgliedschaft habe das Land Strukturreformen umgesetzt. Diese hätten die drei Schwachpunkte - fehlendes Vertrauen, schlechte Verwaltung und eine große nichtregistrierte Wirtschaft - beseitigt, heißt es in dem Bericht. "Die Strukturreformen haben die Einflußnahme der Politik auf die Wirtschaft drastisch beschnitten und der Zentralbank Autonomie verschafft.”

Bei allen Fortschritten darf aber nicht die Reihe von Schwachpunkten übersehen werden. Da ist nicht allein die Tatsache, daß 36,2 Prozent der Türken in der Landwirtschaft tätig sind, also in einem Wirtschaftszweig, in dem in der Kern-EU nur 1,6 Prozent der Menschen arbeiten und in dem vielfach nur mit staatlichen Subventionen noch Geld zu verdienen ist. Ohne die milliardenschwere Hilfe des Internationalen Währungsfonds und Amerikas hätte das Land arge finanzielle Schwierigkeiten. Nicht von ungefähr kommt die Türkei bei dem Ratingagenturen nur auf einen mittleren "Ramsch”-Status bei der Kreditwürdigkeit. Das Verhältnis der Staatsverschuldung zum Bruttoinlandsprodukt ist gewaltig und das Leitzinsniveau astronomisch. Obwohl die Notenbank erst kurz vor Weihnachten den Leitzins von 24 auf 22 Prozent gesenkt hat. Zum Vergleich: In Euroland liegen die Leitzinsen bei zwei Prozent.

Das überaus hohe Zinsniveau spiegelt sich auch in den Kupons türkischer Staatsanleihen wider, die sich im vergangenen Jahr starker Beliebtheit von Investoren erfreut haben und die Landeswährung gestützt. Dieser haben auch Käufe türkischer Aktien, die ebenfalls eine Rallye gesehen haben, genützt. Sinkende Zinsen schwächen aber gemeinhin die Anziehungskraft einer Währung. Für die Türkei und ihre Währung dürfte es wichtig sein, die Abhängigkeit von Geldern von außen stark zu reduzieren, ihre Schulden und das Leistungsbilanzdefizit abzubauen sowie ein anhaltend starkes Wachstum zu erzeugen, am besten ohne Inflationsdruck. Sie hat also eine Menge Hausaufgaben noch zu machen. Ob sie diese annimmt und meistert, dürfte mitentscheidend für den weiteren Weg der "Neuen türkischen Lira” sein. EU-Beitrittsphantasien allein werden kaum reichen, um den jüngsten Aufwertungstrend zu festigen.

Quelle: Text: [at]thwi